Nokia-Produktion in Deutschland vor dem Ende

Vor gut einer Woche gab der finische Multimedia-Konzern Nokia bekannt, dass Werk in Bochum schließen und in Rumänien neu aufbauen zu wollen und dass trotz riesiger Gewinne. Den Aktionären und Managern ist offensichtlich jedes Mittel recht und das Schicksal der Mitarbeiter interessiert diese nicht. Wieder ein mal verhält sich ein großer Elektronikkonzern entgegen dem alten Sprichwort “die hand die einen füttert, beißt man nciht”. Es wird reichlich geflucht und verteufelt, aber brauchbare Lösungen dieser Firmen-Verlagerungs-Problematik scheinen in unserer Politik leider so fern, wie auch die Lösung manch anderer Unstimmigkeiten in unserer heutigen Gesellschaft.

Nachdem Ende 2006 bereits BenQ Mobile (Benq-Siemens, ehemalige Siemens-Mobilfunk-Sparte) wegen gradioser Fehlleistungen (sicherlich auch schon zu Siemens-Zeiten) den fünftgrößten Handyhersteller weltweit in die Insolvenz gebracht hatte und viele tausend Fachkräfte aus Entwicklung und Produktion sich nach einer neuen Beschäftigung umsehen mußten, kommt Nokia jetzt trotz riesiger Gewinne auf die unglaubliche Idee, dem Standort Deutschland den Rücken zu kehren. Die 2300 Mitarbeiter in Bochum sollen auf die Straße gesetzt werden, um die Gewinne per Werksverlagerung nach Rumänien weiter zu maximieren. Nokias Image ist ohnehin schon etwas angekratzt, seit bekannt wurde, dass der Konzern in großem Stil feste Arbeitsplätze zur Gewinnmaximierung durch Zeitarbeiter ersetzt hatte. Die rechtlichen Möglichkeiten der Zeitarbeit werden ebenso wie die ALGII-1-Euro-Jober leider viel zu oft als mißbraucht und nicht ohen Grund im Volksmund als “moderne Sklaverei” bezeichnet.

Das Neue Deutschland externerLink schrieb gestern: 7.205.000.000 Euro Nettogewinn und eine Rendite von 25 Prozent – besser hätte die Nokia-Jahresbilanz kaum ausfallen können. Und die angesichts der Rezessionsängste in den USA erwartete Gewinnwarnung kam nicht. Nokia macht sich offenbar keine Sorgen. Umso zynischer, dass mehr als 3000 Bochumer ihren Arbeitsplatz verlieren sollen, neben 1000 Beschäftigten bei Zulieferern. Zu Recht skandierten Nokianer: »Dieser Gewinn ist auch unser«. Mit 7,2 Milliarden Euro könnte der Konzern über 100 Jahre die Löhne der Bochumer Nokianer zahlen.

Nicht nur auf dem Hintergrund solcher gigantischen Gewinne sollte es doch eigentlich selbstverständlich sein, dass Bund und Land ein Mitspracherecht dank ihrer hohen Subventionen haben, eigentlich müßten sie durch diese Subventionen bedingt auch als Miteigentümer oder Aktionär gelten. Da sollte i der Politik villeicht auch noch mal das ein oder andere überdacht werden und ein großer Teil von Subventionen könnte doch sicherlich auch per Aktienkauf fließen. Mit einem dadurch erworbenen Mitspracherecht könnten Bund und Länder ganz anders auftreten und entsprechend im Interesse unserer Bürger handeln können. Die Realität ist aber leider eine andere. Auch die simpelste aller Lösungen wird wieder nicht angesprochen: warum bitte wird Nokia Deutschland nach so einer Aktion nicht einfach zwangsenteignet und verstaatlicht? Das Werk steht (egal ob veraltet oder nicht), die Mitarbeiter sind vorhanden, staatliche Gelder waren geflossen und auch von Benq-Siemens sind sicherlich noch reichlich Mitarbeiter arbeitslos oder nicht ihrer Qulifikation entsprechend beschäftigt. Als neuer Staatskonzern könnte die Produktion mittels dann sinnvoller Subventionen mit Sicherheit problemlos weiterlaufen, zumal der Staat dadurch indirekt auch ALG-Gelder einsparen würde. Ich denke, solche absolut radikalen Eingriffe in die eiskalte Kapitalmaximierungspolitik mancher Großkonzerne würde diesen und anderen für die Zukunft bedeutend mehr Umsicht abnötigen. Denn ein solcher Staatskonzern wäre immerhin ein neuer Konkurent und den will schließlich auch keiner der Arbeitsplatz-Verlagerer. Auch eine EU-weite drastische Erhöhung der Transportkosten (über Fahrzeugsteuern bzw. Dieselpreise leicht realisierbar) wäre ein effizienter Weg, um bestehende Produktionsstätten zu erhalten, weil nach einer Verlagerung ins Ausland die Einfuhr der Produkte deutlich mehr kosten würde. Auch im Hinblick auf bessere Energieeffizienz, weniger Umweltbelastung und eine allgemeine Reduzierung der Kosten für Straßenausbau und -Instandhaltung (auch zu Gunsten der Bahn) wäre eine solche Anpassung der Transportkosten sicher keine schlechte Idee.

Bei manchen Politikern kam auch schnell die Idee auf, Nokia-Handys zu boykottieren. An sich eine gute Idee, aber welches alternative deutsche Handy soll man denn dann kaufen? Außer Restposten und gebrauchten Geräten gibt es da bald nichts mehr. Umso verwunderlicher ist das, wenn man bedenkt, wie gigantisch der Handymarkt ist und Gewinne sind offensichtlich auch mit deutscher Produktion kein Problem. Mit ein wenig Verhandlungsgeschick wäre es doch sicherlich auch kein problem, AMD als einen der größten Chiphersteller dazu zu bringen, in Dresden noch eine neue Fabrik hinzustellen, die sich dann auf Handyprozessoren spezialisiert. Der Standort Deutschland mag nicht der billigste sein, aber er ist und bleibt trotzdem hoch rentabel.
Die Handyentwicklung und -produktion als solches ist dank der heutigen Technik auch nicht wirklich schwierig. Es gibt heute bereits Lösungen, bei denen alles(!) benötigte in einem einzigen kleinen Chip enthalten ist, der nur eine Hand voll zusätzlicher elektronischer Bauteile benötigt. Auch integrierte Digitalkameras, Radios, USB-Schnittstellen für den PC oder integrierte Speicher bzw. Kartenslots sind schon lange keine technische Herausforderung mehr. Selbst wenn man dann mehr Chips benötigt oder auf weniger stark integrierte embedded-Systems-Prozessoren zurückgreift, ist der Entwicklungsaufwand für die Hardware überschaubar. Wählt man einen geeigneten Prozessor, kann man sogar kostenfrei erhältliche (meist auf Linux basierende) Betriebssysteme im Handy einsetzen und der programmiertechnische Anpassungsaufwand ist vertretbar - bei einer kompletten Offenlegung der Sourcen könnte man sogar aus der Community profitieren. Wenn das Innenleben erst fertig ist, ist der Rest ein Klacks. Mit ein paar Designern lassen sich diverse optisch völlig unterschiedliche Gehäuse entwickeln und der Funktionsumfang ist spielend leicht per Softwareeinstellung anpassbar. So kann man ein extrem schlicht gehaltenes und einfach zu bedienendes Mobiltelefon mit der gleichen Technik entwickeln, wie ein aufwendiges Smartphone oder gar einen Pocket-PC mit Telefoniefunktion. Bei den einfachen Telefonen könnte man dann immer noch durch das Einsparen von Kamera oder Radio etc. und natürlich kleinere Displays die Produktionskosten niedriger halten, als bei den professionelleren Geräten. Auch wenn einige Handyhersteller regelmäßig das Rad zur Hälfte neu erfinden, nutzen viele bereits die aufgezeigten Möglichkeiten mittels modularer Hardwareentwicklung und sparen so reichlich Entwicklungskosten. Auch auf dem Hintergrund dieser doch eigentlich recht simpel wirkenden Herstellung von Mobilfunkgeräten stellt sich die Frage, warum sich in Deutschland niemand findet, der eine neue Handy-Marke aus dem Boden stampft, die stolz das weltweit hoch angesehene Qualitätsmerkmal “Made in Germany” tragen darf. Der Markt für solche Geräte ist zweifelsfrei vorhanden …

Einen Kommentar schreiben