Datenrettung für eigenwillige Systeme

Manchmal genügen Kleinigkeiten und ein Rechner bootet nicht mehr: ein Absturz während eines Schreibzugriffs durch einen Softwarefehler oder eine Spannungsschwankung. Auch ein leichter und somit meist schwer lokalisierbarer Hardwaredefekt wie er z.B. durch eine alternde Festplatte oder einen defekten Speicher oder eine überhitzte CPU auftreten kann, sorgt gelegentlich für eine Beschädigung des Dateisystems. Wird bei der Gelegenheit eine direkt zum Start des Betriebssystems benötigte Datei beschädigt, dann muss man zu geeigneten Datenrettungsmitteln greifen, um all die feinen und wichtigen Sachen von der alten Installation zu retten. Verwendet man ein Linux, kann man das Betriebssystem oft noch mal reparieren (aber auch nicht immer ;) ) und somit die Datenrettung überflüssig machen. Bei Windows sieht das meist schon ganz anders aus, besonders beliebt und lästig sind Fehler in der Registrierung, die niemand freiwillig zu finden versucht - eine Rettung der Daten mit anschließender Neuinstallation geht da in der Regel schneller. Wie auch immer, man muss halt die Sachlage abschätzen und die geeigneten Maßnahmen ergreifen.

Als Admin darf man ja regelmäßig alles mögliche installieren, konfigurieren oder reparieren und manchmal gibt’s Punkte (vor allem bei ausgefallener Hardware), wo sich das System erfolgreich gegen jegliche schnellen Lösungen wehrt. Das ist dann der Punkt, wo man neben reichlich Erfahrung auch eine ordentliche Portion Geduld mitbringen sollte - irgendwie hatte ich in letzter Zeit mehrfach das Glück, auf derartige Probleme zu stoßen. Kürzlich hatte ich ja bereits eine Geschichte aus dem Linux-Alltag berichtet, zu der ich bei Gelegenheit noch mal ein wenig nachlege. Heute saß ich auch wieder vor so einem Späßchen aus dem Datenrettungs-Alltag und genau davon handeln die nächsten Zeilen - ausnahmsweise mal in einer recht umfangreichen und detaillierten Art beschrieben, die mehrere Herangehensweisen aufzeigt und dabei einige der durchaus gängigen Fallstricke anspricht. Es ist schon unglaublich, was da manchmal an Zeit drauf geht, was sich ein Außenstehender überhaupt nicht vorstellen kann - wenn alles normal klappt, würde es ja auch zügiger gehen. Aber was ist scho normal? Vielleicht kann ja jemand aus der Geschichte bei ähnlichen Problemen ein paar brauchbare Tipps entnehmen. ;)

Windows startet nicht mehr

Gestern bat mich ein Freund um Hilfe, weil er auf seinem Laptop unter Windows XP Professional Probleme bei der Installation von Treibern für seinen neuen WLAN-USB-Stick hatte, der ihm zu seinem DSL-Router von der Telekom angeboten wurde. Ich dachte mir also nichts schlimmes, fuhr hin und mußte feststellen, dass sich sein Windows nicht mehr starten ließ - es blieb ohne irgendwelche Meldungen beim Startvorgang hängen. Der animierte Balken bewegte sich fröhlich, aber so lange man auch wartete, es ging nicht weiter und eine Fehlermeldung kam auch nicht. Im Abgesicherten Modus schaffte es Windows auch nur, in alle vier Bildschirmecken “Abgesicherter Modus” zu schreiben, oben noch die Versionsnummer und einen Mauscursor bekam man auch noch, nicht mehr und nicht weniger. Mhh, immer wieder mal was neues - da hatte wohl die fehlgeschlagene Treiberinstallation irgendwas im Windows-System vernichtet :mrgreen:

Datenrettung ohne Hardwareschaden in der Praxis

Datenrettung mit Windows
So weit so gut, also habe ich das gute Stück mitgenommen und wollte die übliche Vorgehensweise praktizieren. Eine USB-Platte zum Kopieren der Daten hatte ich gerade nicht da (sowas sollte man halt nicht verborgen ^^), demnach blieb nur die Datenrettung per Netzwerk, denn einen (externen) Rahmen für eine 2.5″-Festplatte habe ich ohnehin nicht. Also dann, Bart’s PE rein und … es fuhr noch nicht mal komplett hoch, blieb einfach beim Start der Oberfläche hängen :shock: Immerhin gab’s in einer äußerst Augen-unfreundlichen Auflösung das zusätzliche Tool-Menü, so dass ich an das Tool zum Starten der Netzwerkumgebung herankam. Das Ergebnis war auch wieder ein Hammer: es blieb auf dem Laptop einfach hängen. Mpf.

Datenrettung mit Linux
Also gut, nächster Schritt ein Knoppix rein, leider hatte ich nur die schon etwas ältere Version 4.0.2 da und hochgefahren. Na bitte, es geht doch :) Also schnell im Menü das Tool zum Starten des Netzwerkes gesucht (KDE-Menü -> Knoppix -> Netzwerk/Internet -> Netzwerkkarte konfigurieren), auf DHCP gestellt und auch das schlug fehl. Nun gut, dann geht man eben auf die Konsole und probiert’s mit einer statischen IP-Vergabe und einer passenden Adresse, also z.B. einem simplen ifconfig eth0 up 192.168.1.14. Das lieferte keine Fehlermeldung, also testet man das noch mit einem Ping zum Router oder einem anderen Rechner, z.B. ping 192.168.1.1 und bei dem Laptop ging der Ping nicht raus. Mhh - am Netzwerkkabel etc. lag es nicht, das hatte ich gerade aus einem laufenden Rechner gezogen, die LED am Hub leuchtete auch. Damit lag die Vermutung nahe, dass wahrscheinlich nicht das richtige Modul für die Netzwerkkarte geladen war, also schaute ich mit lspci nach, was da überhaupt verbaut worden war. Oh jeah - der Laptop stammte noch aus einer Zeit, in der gerne VIA-Rhine-Chips (in diesem Fall ein VT6102 Rhine-II) integriert wurden und genau diese liefen früher oft nicht mit den Boardmitteln der Betriebssysteme. Klar gibt’s Treiber/Module dafür, aber die müssen halt auch installiert sein - bei dem Knoppix war das entsprechende Modul via_rhine geladen, was sich mittels lsmod überprüfen läßt. Trotzdem wollte das Netzwerk nicht. Um sich jetzt nicht stundenlang an der Fehlersuche aufzuhalten, probierte ich ein aktuelles Ubuntu der Version 6.10, welches sich problemlos starten ließ - aber dank der zahlreichen unnötigen Features schon “ein wenig” Geduld beim Startvorgang erforderte. Auch nach dem Start zeigte sich, dass Ubuntu unglaublich langsam ist - zumindest auf etwas älteren Systemen. Dabei hat der Laptop immerhin einen Athlon 1500+, was ja eigentlich ausreichen sollte. Das ist ja schlimmer, als Windows - eine Sparversion mit weniger grafischen Details und schlankeren Tools hätte mir auch gereicht ;) Egal, also wieder die gleiche Aktion (die Befehle mit notwendigen Rootrechten mit einem sudo davor), wie unter Knoppix, nur war das Ubuntu leider mit englischem Tastaturlayout, was auf der Konsole für zusätzlichen Spaß sorgte :mrgreen: Tja und wie schon fast erwartet, hatte auch Ubuntu trotz geladenem via_rhine-Modul wieder keinen Zugriff auf das Netzwerk ermöglicht. Ok, jetzt wurde es Zeit, meine verborgte USB-Platte wieder zurückzuholen, um letztendlich doch noch streßfrei die Daten sichern zu können.

Also dann wieder mit Knoppix hochgefahren und die USB-Platte ran - nix zu sehen. Da hat die alte Version wohl noch kein vernünftiges Hotplug. Also gibt’s 2 Möglichkeiten: entweder man mounted die richtige Partition - bei nur einem USB-Datenträger und ohne SCSI-Laufwerke im System ist dies in der Regel /dev/sda1 oder man macht ein reboot mit angeschlossener Platte und hat dann auch die schicken Icons auf dem Knoppix-Desktop. Mit der rechten Maustaste klickt man dann auf das gewünschte Icon, geht auf Eigenschaften und sorgt in dem Dialogfenster dafür, dass man auch Schreibzugriff hat. Dann noch zwei Konquerer-Fenster aufgemacht und loskopiert. Da kam auch schon der nächste Schock: Übertragungsraten von unter 1MB, schön zw. 500kB und 900kB pro Sekunde schwankend, also keine USB 2.0-Unterstützung. Neee oder? :roll: Nun ja, was soll’s, ich das also laufen lassen und noch mal an einem anderen Rechner auf meinen Router geschaut, ob der zwischendurch eigentlich irgendwelche Daten zu dem Laptop bekommen hat und siehe da, in der DHCP-Tabelle war eine IP an den Laptop vergeben. Was war das denn? Ein kurzer Blick auf den Laptop und ein paar Test-Pings und schon war klar, dass dieser jetzt doch auf’s Netzwerk zugreifen konnte. Warum das vorher nicht ging, ist mir schleierhaft, evtl. ein leichter Wackler in der RJ45-Buchse des Laptops. Aber immerhin konnte ich jetzt den Kopiervorgang auf die externe Festplatte abbrechen und die Datensicherung doch noch über das schnellere Netzwerk beginnen.

Datenrettung per Linux mit Samba
Knoppix hat einen Samba-Client gleich mit integriert, also genügt im Konquerer die Eingabe von smb://username@IP/Freigabename, um nach der Eingabe des zugehörigen Windows-Paßwortes auch Zugriff auf die entsprechende Freigabe zu erhalten. Jetzt braucht man nur noch zwei Konquerer-Fenster, in dem einen die Festplatte des nicht bootenden Systems, wo man alles markiert und mit Strg+C kopiert und in dem anderen die Samba-Freigabe. Dort klickt man kurz rein und macht ein Einfügen (z.B. mit Strg+V) und schon geht’s los. Ok, die nur 3-4MB Lesedurchsatz der Laptopfestplatte waren auch nicht wirklich berauschend, aber das konnte ja nebenbei üer Nacht laufen ;) Wärend des Kopiervorgangs kam (natürlich kurz nachdem ich schlafen gegangen war) auch nur ein Fehler - die Datei inbox in einem der Thunderbird-Verzeichnisse war defekt und von den 840MB konnte ich nur 630MB kopieren. Mhh, ob er (also der Laptop-Besitzer) seine alten eMails noch brauchte? :roll: :mrgreen: Immerhin, er konnte darauf verzichten - die hätte ich ihm auch nicht wiederhergestellt, das hätte er an eine Datenrettungsfirma übergeben müssen und das wäre teuer geworden ;) Einzelne kleine Dateien (gängiger Formate) mit entsprechenden Tools von einer kaputten Festplatte lesen ist kein Problem, bei einem 840-MB-Monster weigere ich mich mangels sinnvoller Zusatzhardware/-software, wie sie in den teuren Datenrettungslaboren vorhanden ist. Ich hätte da nämlich die lesbaren Fragmente irgendwie per Hand zusammenfrickeln müssen und dabei die fehlerhaften Teile sinnvoll ersetzen müssen. Das kann bei so einer großen Datei ohne entsprechende Mittel und vor allem ohne Kenntnisse über den Grundaufbau dieser Datei Wochen dauern …

Systemwiederherstellung

Nachdem nunmehr eine (fast vollständige und ursprünglich mit 15min Arbeit +2h Laufzeit eingeplante) Datensicherung vorlag, konnte ich endlich im System herumoperieren. Ein paar Versuche, das bestehende System doch wieder lauffähig zu bekommen, klappten nicht. Blieb also nur noch die Neuinstallation. Diese will ich hier nicht noch mal breittreten, habe ich ja in ähnlicher Form vor längerem bereits in der Windows XP Installation getan. Anschließend kommt dann noch das Zurückspielen der Daten und soweit möglich die Integration der alten eMail-Einstellungen etc. in die frische Installation.

Eine Reaktion zu “Datenrettung für eigenwillige Systeme”

  1. admin

    :lol: Wie hätte es auch anders sein können? Nachdem dieser Laptop vorher schon reichlich Schwierigkeiten gemacht hatte, klappte natürlich auch die Installation nicht reibungslos. Ich hatte die Partition gelöscht und neu erstellt (also wirklich alles platt gemacht) und Windows XP die Installation starten lassen. Nach ein paar Minuten kommt dann der erste Neustart, nach welchem die Installation bekanntlich in einer grafischen Oberfläche weiterläuft - theoretisch zumindest ;) Praktisch blieb der Laptop nach diesem ersten Neustart nämlich wieder beim animierten Windows-Start-Balken hängen :mrgreen: Tja, ich würde sagen, da ist irgendwas auf der Hardwareseite kaputt, vielleicht nur die Festplatte, vielleicht auch etwas anderes … Wie ich unter Altersschwäche leidende Rechner mit undefinierbaren Fehlerzuständen liebe :twisted:

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