Microsoft Linux - undenkbar?

Jahrelang tobte der Kampf Microsofts um die Vorherrschaft von Microsoft Windows bei Client- und Serverinstallationen gegen Linux. Gerade das Serverumfeld war seit jeher Unix-dominiert und dank der riesigen und stetig wachsenden Entwicklergemeinde des OpenSource-Betriebssystems Linux tendieren Serverlösungen in den letzten 10 Jahren immer weiter von Unix weg hin zu Linux. Hatte Microsoft zuvor ebenfalls proprietäre Konkurenten, so wurde nunmehr ein quelloffenes und kostenloses Betriebssystem zum Hauptkonkurrenten. Die Serverversionen von Microsofts Windows sind für viele Belange durchaus sehr gute Lösungen und gerade in homogenen Netzwerken vereinfacht die Verwendung von Windows-Servern einiges. So sind z.B. auch nicht extra auf Linux spezialisierte Administratoren notwendig und auch heute werden in Unternehmen noch Serverapplikationen eingesetzt, die nur auf Windows-Basis (vernünftig) laufen. Andererseits konnte man es schon seit längerem auch getrost als deutliches Zeichen verstehen, dass selbst Größen wie Sun für einige Systeme nicht mehr Solaris installieren, sondern auf die freie Alternative Linux zurückgreifen. Linux ist, durch seine offenen Quellen bedingt, auf zahlreichen Plattformen einsetzbar und gerade im Server-Bereich, der besonders großen Wert auf Sicherheit, Effektivität und leichte Administrierbarkeit legt, meist die beste Wahl. Da halfen auch die vielen von Microsoft gesponsorten Statistiken zum TCO (Total Cost of Ownership) der letzten Jahre nicht weiter, um die Marktanteile Microsofts zu sichern. Diese TCO-Statistiken sollten belegen, dass die teureren Linux-Admins und zahlreiche andere Faktoren die Vorteile von Linux finanziell schlechter dastehen lassen, als vergleichbare Microsoft-Lösungen. Die Linux-Community lächelte darüber nur und gelegentliche wirklich unabhängige Untersuchungen bewiesen immer wieder das Gegenteil. Wie überall im Vertrieb, so konnte man auch bei Windows versus Linux die übliche 3-Stufen-Taktik erkennen: erst belächeln, dann schlecht machen und schließlich bekämpfen. Aber nur wenige Konkurrenten schaffen es auch bis zur 4. Stufe, die entweder in einer synergetischen Zusammenarbeit oder einer Marktverdrängung zumindest aus dem Haupttätigkeitsfeld resultiert.

Es war also für Microsoft schon lange an der Zeit, die Flucht nach vorn anzutreten und die lange erfolglos bekämpfte Konkurrenz mit ins Boot zu holen. So unglaublich das unter Betrachtung der Vergangenheit klingen mag - vor gut einer Woche war es so weit, auch wenn der erste Schritt nicht von Microsoft selbst ausging.

Microsoft und Novell - Kooperation der Giganten

Vor wenigen Tagen gaben Microsoft und Novell eine vorerst bis 2012 befristete Kooperation zum Zwecke der verbesserten Interoperabilität der beiden Betriebssystemwelten bekannt. Nach mehrmonatigen Verhandlungen um die zukünftige Vorgehensweise bei der Zusammenarbeit wurden am 02. November 2006 die Inhalte der strategischen Partnerschaft der beiden Boliden bekannt gegeben. Diese Information dürfte wohl weltweit bei allen im IT-Umfeld tätigen Firmen und Personen zu freudigem Erstaunen geführt haben. Aus den Chefetagen der Globalplayer des Hardwarebereiches waren auch zügig erfreute Kommentare darüber zu vernehmen.

Inhaltlich wurden sehr viele Dinge vereinbart, die zukünftig enorme Synergieeffekte bewirken könnten und auch den Administratoren der beiden Systemwelten die Arbeit erleichtern könnten. Der bedeutendste Bestandteil der Kooperation ist zweifelsfrei die Bekanntgabe, dass Microsoft und Novell zukünftig ein gemeinsames Forschungslabor betreiben werden, in welchem die Interoperabilität der Systeme verbessert werden soll. Dazu gehören so wichtige Punkte wie die bisher noch immer schwierige Integration des von Microsoft in vielen Details auf Microsoftumgebungen angepaßten LDAP-Clones Active Directory, die verbesserte gegenseitige Virtualisierung, ein gemeinsames Servermanagement sowie die zukünftige Unterstützung von Microsoft-Produkten für offene Dokumentenstandards (ODF, OpenDocument Format).

Weitere bahnbrechende Details der Microsoft-Novell-Kooperation sind der gegenseitige Verzicht auf Patentrechtsklagen gegen Kunden und sogar gegen die gesamte OpenSource-Community. Ob letzteres wirklich in allen Fällen so bleiben wird, bleibt allerdings noch abzuwarten. Eine Patentsverletzung soll auch weiterhin vermieden werden, jedoch kann man hoffen, dass bei sich im Rahmen haltenden Ausnahmefällen fortan eben nicht immer gleich eine Klage droht. Immerhin gibt es eine gerade für kleinere und mittlere Firmen nicht überschaubare Menge an Patenten selbst für Kleinigkeiten, derer man sich oftmals noch nicht einmal bewußt ist. Microsoft hat für nicht-kommerzielle OpenSource-Entwickler und Entwickler, die direkt zum OpenSuSE-Projekt beitragen, den Klageverzicht bereits offiziell verkündet.

Der unglaublichste Bestandteil der Vereinbarung ist jedoch, dass Microsoft zukünftig bestimmten Kunden, die ohnehin bereits stark auf Linux setzen, den SuSE Linux Enterprise Server (SLES) empfehlen wird und Microsoft hierfür von Novell 70.000 Gutscheine jährlich für insgesamt 240 Mio US-Dollar einkaufen wird. Weitere 108 Mio US-Dollar zahlt Microsoft für das Patentabkommen an Novell, wofür Novell im Gegenzug eine prozentuale Beteiligung (mind. 40 Mio US-Dollar pro Jahr) an Microsoft zurücküberweist. Des weiteren wird Microsoft bis 2012 insgesamt etwa 100 Mio US-Dollar in eine gemeinsame Verkaufsförderung und entsprechende Marketingstrategien stecken.

Hintergründe

Zweifelsfrei geht es sowohl Microsoft als auch Novell nicht vordergründig darum, modern und übertrieben anwenderorientiert zu sein. Aber genau diese Punkte verdienen eine große Beachtung, wenn es darum geht, Marktanteile und Umsätze zu steigern. Firmen, die mit Linux Geld verdienen, vermarkten ihre Dienstleistungen, ihren Service und einzelne proprietäre Softwarelösungen, jedoch nicht das Betriebssystem als solches. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass dieses Geschäftsmodell zukunftsträchtig ist - Microsoft öffnet sich über diese Kooperation eine Hintertür für neue Ideen und gleichzeitig wird Anwendern und Administratoren eine angenehmere Zukunft durch die Abstimmung gemeinsamer Standards geboten. Novell als alter Netzwerkspezialist hatte vor 3 Jahren den deutschen Linux-Distributor SuSE aufgekauft, nachdem der Marktanteil Novells im Serverbereich immer weiter zurückging. Die beiden Kooperationspartner sind also schon viele Jahre konkurrierend im IT-Sektor tätig und schaffen durch die Zusammenarbeit Möglichkeiten, gemeinsam andere Konkurrenten an die Wand zu spielen. Es wird deshalb auch gemunkelt, ob dies nicht eventuell ebenso wie der Einstieg des Datenbankenspezialisten Oracle in die Linuxwelt als ein Angriff auf den weltgrößten Linux-Distributor Red Hat gewertet werden könnte. Andererseits scheint Microsoft gegenüber Linux seine alte Firmenpolitik komplett über den Haufen geworfen zu haben, denn MS-CEO Steve Ballmer ließ allgemeines Interesse an ähnlichen Kooperationen auch mit anderen Distributoren (inkl. Red Hat) verlautbaren. Die Zukunft wird es zeigen und uns sicher noch einige spannende Entwicklungen präsentieren …

Quellen: heise.de, linux-community.de, novell.com

Eine Reaktion zu “Microsoft Linux - undenkbar?”

  1. admin

    Wie doch die Zeit vergeht. Einst bezeichnete Steve Ballmer Linux als “Krebsgeschwür”. Seit dem hat sich Microsoft in vielen Punkten stark gewandelt und dabei vor allem der OpenSource-Community geöffnet. Sicher, es geht auch darum, eigene Produkte zu bewerben und Clouddienste an den Mann zu bringen. Aber dennoch ist Microsoft inzwischen wohl Spitzenreiter beim Veröffentlichen von Code auf Github. Besonders beachtlich ist dabei, was sich im Bereich Visual Studio und C# getan hat. Der Aufkauf von Xamarin und die Möglichkeit, nunmehr plattformunabhängig für Windows und Linux Software in C# im Visual Studio entwickeln zu können, ist einer der aus meiner Sicht interessantesten dieser Aspekte.

    Diese Woche kam nun der spektakulärste Schritt. Microsft ist der Linux Foundation beigetreten und das gleich als Platin-Member mit Sitz im Aufsichtsrat. Somit kann Microsoft viel Einfuß auf weitere Standardisierungen und die Weiterentwicklung im Linux-Bereich nehmen. Hoffen wir, dass das Linux auch wirklich vorwärts bringt.

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